Brief von Dom Sebastião (Advent 2012)
"Eu ouvi o clamor de meu povo" Ex. 2,9 "Ich habe den Schrei meines Volkes gehört" (Ex 2,9) 
Liebe Freundinnen und Freunde, in Düsseldorf besuchte ich Herrn Albrecht Pünder mit seinen über 80 Jahren im Krankenhaus. Ich begrüßte ihn mit guten Wünschen, und sofort stellte er mir folgende Frage: "Was sind im Moment Ihre größten Sorgen in der Diözese Coroatá?" Ich musste erst einmal innehalten vor Bewunderung für diese Haltung: Da liegt ein schwerkranker Mann in vorgerücktem Alter, der - anstatt an sich zu denken – wissen will, wie es der fernen Kirche von Coroatá geht.
Albrecht Pünder steht stellvertretend für eine ganze Generation von Verwandten und Freunden von Bischof Reinhard, die all die Jahre mit ihm Kontakt hielten, für uns beteten und unsere Diözese mit Geld unterstützten. Menschen, die in der Nachkiegszeit gelitten, wirtschaftliche Not erfahren und diese großen Schwierigkeiten bewältigt hatten, entwickelten in sich eine tiefe Sensibilität für die Probleme der Menschheit und die Weitergabe der kostbaren Werte unseres Glaubens, den sie von ihren Eltern übernommen hatten und der ihnen ihr ganzes Leben so sehr geholfen hat.
Nachdem ich mir dies bewusst gemacht hatte, fing ich an, meine Sorgen zu nennen, die ich jetzt auch Ihnen in diesem Brief schreiben möchte. Besorgt macht mich die politische Situation des Volkes in der Diözese Coroatá. Wir hatten kürzlich in ganz Brasilien Kommunalwahlen. Immer wenn Wahljahr ist, sind die Gemeinden gespalten. Man lebt in einem Klima der Unsicherheit, was die Zukunft angeht, vor allem in den kleinen und mittleren Städten im Landesinneren, wie im Fall unserer Diözese.
Weil es wenig Arbeit gibt und die städtischen Angestellten in der Mehrzahl keine gesicherten Stellen haben, hängt es von der Entscheidung des jeweiligen Bürgermeisters ab, ob sie weiter beschäftigt werden oder nicht. Das brasilianische Präsidialsystem gibt der Exekutive, in diesem Fall dem Bürgermeister, viel Macht.
Wenn Sozialkontrolle fehlt, entscheidet er nach Gutdünken und vermischt Gemeinwohl und Eigeninteresse. Das brasilianische Wahlrecht ist zwar besser geworden – dank des Beitrags der Kirche -, aber in Maranhão funktioniert es immer noch so, dass Freunde bevorzugt und Gegner benachteiligt werden. Ich habe mit den Priestern einen Hirtenbrief geschrieben, dass Teilnahme am politischen Leben nicht das Privileg einiger Familien ist, sondern Pflicht und Recht aller.
Eine andere große Sorge: Wie kommt die Botschaft des Evangeliums nicht nur zu denen, die zur Messe in die Kirche kommen, sondern auch zu den jungen Leuten, den Menschen, die in den Randvierteln und im Interior wohnen, oft getäuscht von Politikern, die Eigentümer von Radio- und Fernsehsendern sind, oder von den Sekten, die in unserem Land immer noch wachsen. Deshalb habe ich mich entschlossen, der Erweiterung unserer Kommunikationsmittel Priorität zu geben, die Bischof Reinhard aufgebaut hat. Wir arbeiten gerade daran, einen höheren Sendeturm für das Dözesanradio zu errichten, Ausstattungsmaterial anzuschaffen und unser Programm zu verbessern, um so fast alle Pfarreien der Diözese erreichen zu können, was ein wirksames Mittel der Einheit unserer kirchlichen Arbeit wäre.
Trotz so vieler anderer Sorgen wünsche ich mir vor allem, nicht "Stein des Anstoßes" im Leben der Diözese zu sein, sondern immer Brücke, die das Miteinander der Menschen fördert. Augustinus hat gesagt: "Christ zu sein gereicht mir zur Ehre, Bischof zu sein macht mir Angst." Ich habe viel Trost gefunden, darunter die Sicherheit, dass Gott mit uns ist, und dass ich mit so vielen Menschen, innerhalb und außerhalb der Diözese, rechnen kann, wie mit Ihnen in Deutschland, die für unsere Diözese beten, sich interessieren und arbeiten.
Gerne nutze ich die Gelegenheit, auch den Menschen, Gruppen und Pfarreien zu danken, die ich dieses Jahr besuchen konnte. Ich wünsche Ihnen, dass das heilige Weihnachtsfest Sie konkret spüren lässt, dass Gott ganz nah bei Ihnen am Werk ist und Ihnen die Hoffnung auf bessere Tage erneuert.
Auch möchte ich Frau Hildegard Schwenke geb. Pünder danken, die – wie meinem Vorgänger, ihrem Bruder – auch mir die Reisen vorbereitet hat und seit Jahrzehnten mit ihrem Mann dafür sorgt, dass dieser Brief Sie überall in Deutschland erreicht; und jetzt schon auch denen, die diese Aufgaben übernehmen werden.
Voller Hochachtung rufe ich die Segnungen Gottes auf Sie herab.
+ D. Sebastião Bandeira Bitte lesen Sie auch "Der Maler unseres Titelbildes".
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